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Hat die Gesellschaft uns beigebracht, uns selbst zu hassen?

Was siehst du, wenn du in den Spiegel schaust? Siehst du die Dinge, die du liebst, oder das, was du gerne ändern würdest?

Wo ist die Zeit hin, in der wir nicht einmal in den Spiegel auf dem Weg nach draußen geblickt haben? Irgendwann erreichen wir das Alter, in dem unser Äußeres uns nicht mehr egal ist. Dann fangen wir an, uns intensiver darum zu kümmern und Dinge zu verändern, die wir früher kaum wahrgenommen haben. Wir stylen unsere Haare, zupfen unsere Augenbrauen, biegen unsere Wimpern hoch und tragen Make-up, sobald wir einen Schritt nach draußen wagen. Doch warum? Warum sind wir nie zufrieden mit uns und unserem Aussehen?

Das Streben nach mehr – ein evolutionärer Vorteil?

Das Streben nach Perfektion ist gleichzeitig so einfach und doch so schwer zu erklären. Zunächst einmal könnte das Streben nach mehr einen evolutionären Vorteil gehabt haben. Im Laufe der Evolution könnten Vergleiche mit anderen und die Gewöhnung an bessere Lebensumstände dazu beigetragen haben, dass wir uns weiterentwickeln. Eine Simulation von Rachit Dubey von der Princeton University und seinen Kollegen spiegelt dies wider. Dieses Streben nach einem möglichst einfachen und guten Leben kann schließlich zu gesellschaftlichem Fortschritt beitragen.
Ein einfaches Beispiel für dieses Streben nach Vereinfachung ist die Erfindung des Rads – es wurde nicht einfach zum Spaß erfunden, sondern um den Transport schwerer Lasten zu vereinfachen. Wir streben also von Natur aus nach einem möglichst einfachen und guten Leben.

Wir leben in einer Konsumgesellschaft

In unserer Konsumgesellschaft ist dies jedoch nicht so simpel. Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein einzelnes Produkt kaum noch etwas wert ist und wir immer mehr wollen. Werbung vermittelt uns dabei das Gefühl, ohne das Produkt unvollständig zu sein.
Auch Social Media spielt dabei eine Rolle – wenn gerade ein bestimmtes Produkt im Trend ist, bekommen wir automatisch das Gefühl, ohne dieses Produkt ausgegrenzt zu sein.
Ein weiterer Aspekt, den unsere Konsumgesellschaft aufweist, ist, dass wir Glück zunehmend als kurzzeitiges Gefühl erleben. Meist ist nach drei Tagen der Reiz bereits verflogen und zur Gewohnheit geworden, sagt auch Sozialpsychologin und Konsumforscherin Janina Steinmetz. Denn dabei vergessen wir häufig, dass Glück aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist. Die Verbesserung eines einzelnen Lebensbereichs sorgt noch lange nicht für langfristiges Glück.

Ein Beispiel: Wir kaufen uns ein neues Handy. Das behebt jedoch nicht unsere Probleme bei der Arbeit oder in der Familie. Es macht auch nicht das Wetter besser. Und irgendwann ist dann der erste Kratzer drin und plötzlich ist das Handy nicht mehr neu.

Zudem neigen wir als Gesellschaft dazu, häufig zu materiellen Ersatzbefriedigungen statt zu echten Lösungen zu greifen. Wir beseitigen also nicht dauerhaft das Problem, sondern überschatten es nur durch kurzzeitiges Glück. Damit verschaffen wir uns schließlich mehr Arbeit, als wir durch das eigentliche Problem gehabt hätten. Dies führt ebenfalls wieder dazu, dass unsere Messlatte für Glück steigt und wir unnötig Ressourcen verschwenden.

Der Druck der Gesellschaft steigt

Als weiteren Punkt versuchen wir häufig, selbst wenn es nur unterbewusst geschieht, den Respekt der Gesellschaft zu gewinnen. Wir sind erst zufrieden, wenn wir mehr und härter arbeiten als andere, bessere Dinge haben und allgemein zeigen können, wie gut es uns geht.

Heutzutage herrscht zudem ein ganz anderer Druck als noch vor einer Generation. Dies zeigt auch eine Metastudie der London School of Economics. Junge Erwachsene haben immer mehr Ansprüche an sich selbst und gleichzeitig das Gefühl, dass ihr Umfeld große Erwartungen an sie hat. Die Kombination von innerem und äußerem Druck führt unter anderem zu dem Gedanken, dass sie nur akzeptiert werden, wenn sie perfekt sind. Auch die sogenannten perfektionistischen Sorgen, also beispielsweise die Angst vor Fehlern und Zweifel daran, ob die eigene Leistung ausreicht, steigen seit dem Jahr 2000 beschleunigt an.

Unser Aussehen ist nie genug

Unter diesem Druck stehen nicht nur unsere Leistungen – auch unser Aussehen steht weiterhin unter extremem Druck. Schon immer gaben Medien und Prominente, wenn auch unbewusst, das Gefühl, nicht genug zu sein. Wir müssen immer schöner und perfekter werden. Begriffe wie „Glow-up“, das eine sichtbare Verbesserung des eigenen Aussehens beschreibt, sind zum Alltag geworden. Mittlerweile gibt es zwar mehrere Bewegungen wie Body Positivity, die dagegenhalten, doch die Unzufriedenheit mit uns selbst hat dadurch nicht aufgehört. Selbst unter Videos, in denen es eigentlich darum geht, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist, liest man Kommentare wie: „Eigentlich habe ich den gleichen Body Type. Warum sieht das bei mir aber nicht gut aus?“ Die Unsicherheit bleibt also in vielen Fällen. Das liegt unter anderem daran, dass es zu jedem Video ein Gegenbild gibt: War das letzte Video noch eines über Body Positivity, kann das nächste schon das „perfekte“ Model zeigen, dessen Leben uns plötzlich viel besser zu sein scheint.
Social Media spielt hierbei also eine große Rolle. Denn irgendwie hat unsere For You Page auch immer ein Talent dafür, uns das anzuzeigen, was wir nicht haben. Dadurch werden unrealistische Schönheitsideale viel einfacher verbreitet als noch vor 30 Jahren.

Nur knapp die Hälfte der Europäer ist mit ihrem Aussehen zufrieden

Eine Studie des STADA Health Reports spiegelt die Unsicherheiten noch einmal wider. Nur rund die Hälfte der Europäer (49 %) ist mit ihrem Aussehen zufrieden. 21 Prozent waren unzufrieden mit sich, und 29 Prozent gaben an, weder zufrieden noch unzufrieden zu sein. Auf Nachfrage, was zu ihrer Unzufriedenheit führt, gaben 49 Prozent an, sie hätten das Gefühl, übergewichtig zu sein. 23 Prozent gaben an, lediglich das Gefühl zu haben, dass andere attraktiver seien.

Wir sind als Gesellschaft also sehr von unseren Unsicherheiten geprägt. Während ein wenig Perfektionismus zu Fortschritt führt, nimmt er in einigen Fällen jedoch ein ungesundes Ausmaß an. Doch warum wollen wir überhaupt perfekt sein? Sind unsere Fehler nicht erst das, was uns zu uns macht?